Vol. III · Mai 2026 FERROXID ·
FERROXID Praxis-Magazin für Korrosionsschutz und Metallpflege. — Bd. iii —
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Auto-Korrosion · 10 min

Radlauf-Korrosion — wo TÜV-Relevanz beginnt und Spachtel endet

Der Radlauf ist die häufigste TÜV-Beanstandung an Karosserien jenseits der zehn Jahre. Wir behandeln die Grenze zwischen kosmetischer Sanierung und tragender Reparatur und gehen die Schweißsequenz an einem typischen Schadensbild durch.

Bei jeder zweiten Hauptuntersuchung an Fahrzeugen jenseits der zehn Jahre wird der Prüfer einmal hinter den Radlauf schauen. Er schaut nicht aus Schikane. Er schaut, weil dort die statisch relevanten Stellen sitzen, an denen sich entscheidet, ob die Karosserie ihre Steifigkeit behält oder im Crashfall in zwei Hälften bricht. Die Radlauf­innenkante, der Übergang vom Innen­kotflügel zum Schweller, der Anschluss des Längsträgers an die Radkasten­wandung — das ist die zweite Verteidigungslinie der Fahrzeug­statik. Die erste ist die Bodengruppe; die dritte ist der Querträger; alles davor und danach ist optisch.

Das Schadensbild

Der typische Verlauf beginnt nicht sichtbar. In den ersten Jahren nach der Werkslackierung sammelt sich im Spalt zwischen Außenblech (Kotflügel) und Innenblech (Radhaus) Spritzwasser-Schlamm: feine Sand- und Salzpartikel, vermengt mit Bremsabrieb und gelegentlichem Streusalz. Diese Schicht bleibt feucht, sie hat keine Möglichkeit zur Belüftung, und sie greift den Werkslackschutz von innen an. Was außen viele Jahre tadellos aussieht, kann innen längst durchrosten.

Sichtbar wird das in vier Stadien:

  1. Blasenbildung am Radlauf-Rand — der Lack hebt sich punktuell ab, der darunter liegende Rost drückt durch. Das ist noch ein Optikfehler und keine TÜV-Beanstandung.
  2. Punktdurchrostung am Radlauf-Falz — kleine Löcher entlang der Kantenlinie, in denen ein dünner Schraubendreher Widerstandslos eindringt. Das ist Spachtel-fertig, aber noch nicht statisch.
  3. Großflächige Durchrostung am Schweller-Anschluss — das Blech ist über mehrere Zentimeter Länge durchgerostet, der Übergang zum Schweller ist tragfähig nur noch durch Spachtel oder durch verbleibende Restblechstege. Das ist die TÜV-Grenze.
  4. Strukturschaden am Längsträger­anschluss — der Längsträger ist in seiner Aufnahme im Radhaus von Korrosion unterwandert. Hier ist die Fahrzeug­statik betroffen; eine kosmetische Reparatur ist ausgeschlossen.

Die Prüfer-Faustregel: alles, was sich mit dem Finger eindrücken lässt, ist Stadium 3 oder schlimmer und führt zu Beanstandung. Alles, was sich nur mit Werkzeug findet, ist meist Stadium 2 oder besser und passt durch.

Die Spachtel-Versuchung

Es gibt zwei verbreitete Reaktionen auf einen Stadium-2-Schaden: man schweißt, oder man spachtelt. Beide werden in jeder Werkstatt jeden Tag praktiziert; beide haben Berechtigung; und beide haben unterschiedliche Restlebenserwartungen.

Spachtelreparatur an einem Radlauf-Falz: man schleift bis auf blanken Stahl, wandelt Restrost mit Tannin, grundiert mit 2K-Epoxid, spachtelt mit Polyester- oder Epoxidspachtel die Form aus, schleift in Form, lackiert. Die optische Standzeit liegt bei vier bis acht Jahren — danach platzt der Spachtel an seiner ungeschützten Innenseite. Die statische Wirkung ist gleich null: der Spachtel trägt nichts, er füllt nur Form.

Für ein Brot-und-Butter-Fahrzeug, das in vier Jahren ohnehin abgemeldet wird, ist die Spachtelreparatur die ökonomisch ehrliche Lösung. Für ein Fahrzeug, das den Eigentümer in zehn Jahren noch begleiten soll, ist sie eine Verzögerungs­taktik.

Schweißreparatur an einem Radlauf-Falz: man schneidet den durchgerosteten Bereich heraus, formt ein Reparatur­blech aus 0,8- oder 1,0-mm-Karosserieblech an der Schweißbiegerpresse oder mit Klopfholz und Sandsack, heftet das Blech mit MIG-Punktschweißungen ein, verschweißt die Anschlussnaht in Inter­vall­technik (jeweils 2 cm schweißen, 1 cm Pause, gegen Wärmeverzug), schleift die Naht plan, behandelt die Reparatur­stelle vollständig (Wandeln, Grundieren, Falznaht-Versiegelung außen und innen, Lack). Die Standzeit liegt bei 15 bis 25 Jahren, je nach Qualität der Folgekonservierung.

Die Schweißsequenz im Detail

Wer das praktisch durchführt — und das ist eine handwerkliche Aufgabe, die in jeder größeren Werkstatt geleistet wird —, geht in folgender Sequenz vor.

Schritt 1 — Zugänglichkeit: Rad ab, Radhausschale ab, ggf. Stoßfänger ab. Wer in der ersten halben Stunde an Schraubverbindungen scheitert, wird in den nächsten sechs Stunden auch keine saubere Reparatur abliefern.

Schritt 2 — Schadensgrenze: mit Drahtbürste am Winkelschleifer den Bereich frei räumen, bis die intakte Blechfläche an allen Seiten erreicht ist. Dabei großzügig vorgehen — wer 5 mm tragendes Blech stehen lässt, hat in zwei Jahren wieder Korrosion an dieser Übergangsstelle.

Schritt 3 — Ausschneiden: mit Druckluft-Karosseriesäge oder feiner Trennscheibe in gerader, gut nachzuformender Linie schneiden. Niemals mit Plasmaschneider an dünnen Blechen — der Wärmeeintrag verformt den umgebenden Bereich.

Schritt 4 — Reparaturblech formen: ein passgenaues Reparaturblech aus 0,8-mm-DC04-Karosserieblech an der Biegepresse oder, bei einfacher Geometrie, freihändig formen. Das Blech soll exakt in den Ausschnitt passen, mit etwa 0,5 mm Spalt zur Naht-Aufnahme.

Schritt 5 — Heften: mit MIG-Punktschweißungen in 5-cm-Abständen die Position fixieren. Vor jedem Punkt eine Sichtkontrolle, ob das Blech bündig sitzt — was hier verschweißt wird, muss nachher nicht mehr ausgerichtet werden.

Schritt 6 — Verschweißen: in Intervall-Technik die Nahtbereiche zwischen den Heftpunkten schließen. Pro Intervall 2 cm Naht, dann 1 cm warten, dann nächste 2 cm. Eine durchgehende lange Naht zieht das Blech krumm.

Schritt 7 — Naht­bearbeitung: mit Schleifteller die Naht plan schleifen, bei Bedarf mit feinerem Schleifpapier nacharbeiten. Eine gute Schweißnaht ist nach dem Schleifen optisch von der Umgebung kaum zu unterscheiden.

Schritt 8 — Korrosionsschutz von innen: die Innenseite der Reparatur (im Radhaus oder im Hohlraum) sofort mit Kriechöl oder Hohlraumwachs behandeln. Das ist der Schritt, an dem viele scheitern: die Außenseite wird perfekt lackiert, die Innenseite bleibt blank — und vier Jahre später beginnt die Folgekorrosion exakt an der frischen Schweißnaht.

Schritt 9 — Korrosionsschutz von außen: Grundieren, Falznaht-Versiegelung an der Übergangskante, Eisenglimmer-Zwischenschicht, Decklack in Wagenfarbe. Wer eine professionelle Lackangleichung braucht, übergibt diesen letzten Schritt an einen Karosserie-Lackierer — Farbangleichung an alten Lacken ist eine eigene Disziplin.

Schritt 10 — Hohlraum­konservierung: durch die nächst-erreichbare Werks­öffnung (Schweller-Stopfen, Falz­ablauf) den Hohlraum konservieren, der jetzt eine frische Schweißnaht enthält. Dieser Schritt verdoppelt die Standzeit der Reparatur.

Zeitaufwand und Kosten

Eine fachgerechte Schweißreparatur an einem Radlauf-Falz dauert für einen erfahrenen Karosseriebauer fünf bis acht Stunden, inklusive Demontage, Korrosionsschutz und Wiedermontage. Wer das selbst macht und einigermaßen ausgestattet ist (MIG-Gerät, Karosserie-Werkzeug, Lackierausstattung), rechnet eher mit 12 bis 16 Stunden netto Arbeitszeit über zwei bis drei Tage. Material­kosten 80 bis 150 € pro Radlauf, je nach Lackangleichungs-Aufwand.

Das ist die ehrliche Größenordnung. Wer für 200 € „Radlauf machen” angeboten bekommt, bekommt eine Spachtelreparatur — und das ist legitim, solange es klar kommuniziert wird.

Im nächsten Aufsatz

In der kommenden Ausgabe behandeln wir Falzablauf­öffnungen im Schweller: warum die werksseitigen Drainage­löcher mit den Jahren verstopfen, wie man sie reinigt und nachsetzt, und warum dieser zehn-Minuten-Routine die Hälfte aller Schweller-Schäden vermeiden würde.


Ressort: Auto-Korrosion